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Sealand 2

Der Traum vom eigenen Königreich – Fürstentum Sealand (2)

In der ersten Folge wurde berichtet, wie 1967 auf einer künstlichen Plattform vor der englischen Küste das Fürstentum Sealand entstand, das 1969 seine ersten Briefmarken herausgab. Da der Postverkehr von und nach Sealand offenbar reibungslos funktionierte, stand die Katalogisierung der Briefmarken in der Michel-Rundschau kurz bevor. Und der Fürst hatte große Pläne: er wollte aus Sealand ein Steuerparadies nach dem Vorbild von Liechtenstein und Monako machen.
Beim Aufbau eines funktionierenden Postwesens gab es aber wohl Rückschläge, wie in der Michel-Rundschau Juli 1970 zu lesen war. Zwar wurden weiterhin Briefe aus Sealand zugestellt, Post, die nach Sealand geschickt wurde, ging aber als unzustellbar mit dem Vermerk „no such address“ an den Absender zurück. Auf Anfrage schrieb die britische Botschaft in Bonn „Uns liegen keine Informationen über Sealand vor, und wir nehmen an, dass es sich hierbei um einen Scherz handelt“. Die britische Botschaft in Brüssel reagierte vorsichtiger, verwies auf verschiedene Presseartikel und enthielt sich eines eigenen Kommentars. Die belgische Post antwortete auf eine Anfrage, dass sie offiziell keine Kenntnis von der Anerkennung der Unabhängigkeit Sealands habe und daher Sendungen von dort zurückweisen werde. Die Weiterleitung derartiger Sendungen durch das Austauschbüro Brüssel X sei auf Überlastung zurückzuführen. Anfragen an den Fürsten von Sealand waren mangels Postverbindung nicht möglich. Deshalb stellte die Michel-Rundschau die Katalogisierung der Marken Sealands weiterhin zurück. Die Katalogisierung erfolgte bis heute nicht, und weitere Berichte über Sealand und seine Marken gab es auch nicht.
Die nächsten Briefmarkenserien umfassten immer fünf Marken zu 5, 10, 15, 20 und 50 Cent und einen Block zu 1 Dollar. Zusätzlich wurde die Blockmarke nochmals als Einzelmarke mit geänderter Inschrift „Air Mail“ statt „Postage“ oder umgekehrt gedruckt. Die einzelnen Werte sind jeweils im Kleinbogen zu 10 Marken gedruckt, die geänderte Blockmarke im Kleinbogen zu 6 Marken mit viel Papier um jede Marke. Mit aufgedrucktem Stempel vom 30. Juli 1970 gibt es eine Serie Freimarken mit Schiffsgemälden und eine Serie Luftpostmarken mit Fischen, mit Stempel vom 20. September 1970 eine Serie Freimarken mit Seefahrern und Piraten (auf dem Block den Piraten Blackbeard, irgendwie passend zur Geschichte des Fürstentums) und eine Serie Luftpostmarken mit maritimen Gemälden mit und ohne Schiff. Das Datum im aufgedruckten Stempel scheint nicht der Ersttag zu sein, denn mit der Serie mit Schiffsgemälden liegt mir ein eingeschriebener Brief in die USA vom 28. Juli 1970 vor. Er ist an eine philatelistische Fachzeitschrift gerichtet und sollte wohl für die neuen Marken werben. Seiner Ankündigung vom 29. Februar war Roy Bates inzwischen etwas untreu geworden, denn inzwischen erschienen alle 3 Monate zwei Serien mit einem nennwert von jeweils 3 Dollar. Ein Geschäft scheinen diese Briefmarken nicht gewesen zu sein, denn erst kürzlich wurden die Ausgaben von Juli und September 1970 gestempelt per 100 Sätze günstig im Internet angeboten.
Deshalb gab es wohl zunächst keine weiteren Ausgaben, erst 1975 erschein wieder ein Kleinbogen mit sechs Marken zum Internationalen Jahr der Frau. Fünf werte zu 10, 20, 30, 50 und 90 Cent zeigen Frauen der fünf Kontinente, der höchste Wert zu 1 Dollar Fürstin Joan Bates. Die letzte Briefmarkenausgabe von Sealand dürfte im September 1977 zum 10-jährigen Bestehen von Sealand erfolgt sein. Sie umfasst 10 Marken (4 Freimarken zu 10, 20, 30 und 40 Cent und 6 Luftpostmarken zu 50, 60, 70, 80 und 90 Cent und 1 Dollar), die wieder im Kleinbogen zusammengedruckt wurden. Die ersten sieben Werte zeigen die Schiffe der Seefahrer der ersten Ausgabe, die drei höchsten Werte das Wappen des Fürstentums, den Fürsten Roy und die Fürstin Joan. Der Nennwert betrug diesmal immerhin 5,50 Dollar. Dies scheint bislang die letzte Briefmarkenausgabe des Fürstentums Sealand zu sein. Auch wenn es mit dem Aufbau des Postdienstes nicht so klappte und auch die internationale Anerkennung fehlte, gab Roy Bates seine Pläne so schnell nicht auf. Dabei war er immer für neue Ideen empfänglich. So hatte der Deutsche Alexander Gottfried Achenbach 1975 mit ein paar niederländischen Freunden den Plan geschmiedet, das eher wenig beschauliche Sealand in ein Luxushotel mit einem Spielcasino zu verwandeln. Das hatte doch Ähnlichkeit mit Monako und gefiel auch Fürst Roy, und Alexander Gottfried Achenbach wurde zum Premierminister und Regierungschef auf Lebenszeit ernannt. Ein Fehler, wie Roy Bates 1978 feststellen musste, als er sich mit seiner Frau zu Verhandlung mit Interessenten in Salzburg befand: Der machthungrige Herr Achenbach startete während der Abwesenheit des Fürsten mit seinen Freunden einen Putschversuch und hielt kurzfristig sogar Bates Sohn Michael fest. Achenbach und Co. hatten sich da aber mit dem Falschen angelegt: Fürst Roy schlug bewaffnet zurück, und ließ Achenbach, der einen sealändischen Pass besaß (international natürlich nicht anerkannt) einkerkern. Daraufhin bat Deutschland die britische Regierung um Intervention – die wollte davon aber nichts wissen und argumentierte wie einst das Gericht: Man sei dafür nicht zuständig. Und so musste dann ein deutscher Konsularbeamter der britischen Botschaft mit Herrn Bates verhandeln – Balsam auf die Seele des gnädigen Herrschers, der Herrn Achenbach dann schließlich frei ließ. Seither betrachtet Roy Bates den diplomatischen Kontakt als De-facto-Anerkennung seines Fürstentums durch die Bundesrepublik Deutschland. Der freigelassene Herr Achenbach hatte nichts Besseres zu tun, als eine sealändische Exilregierung zu gründen. Die Exilregierung gibt es immer noch, sie wird inzwischen von einem Johannes Seiger geführt. Auffälligste Aktivität dieser Exilregierung scheint es zu sein, wirres Zeug im Internet zu veröffentlichen. Auch das Fürstentum Sealand und die Fürstenfamilie gibt es noch. Nachdem sich Fürst Roy und Fürstin Joan in Spanien aufs Altenteil zurückgezogen haben, hat Prinz Michael die Regierungsgeschäfte auf Sealand übernommen. Er hatte auch schon neue Pläne entwickelt. So sollte Sealand ein elektronischer Datenhafen für sicheres Datenhosting werden. Mit diesem Plan gibt es dem Prinzen wie früher seinem Vater – es wurde nichts daraus. Auch sonst hatte er nur Pech. So richtete 2006 ein Brand auf Sealand erheblichen Sachschaden an. Der Wiederaufbau des Fürstentums soll mehr Geld verschlungen haben, als Sealand in den letzten 40 Jahren einbrachte. Wie es nach den gescheiterten Plänen und Rückschlägen mit dem künstlichen Fürstentum im Meer weitergehen soll, erfahren Sie in der letzten folge im nächsten Heft.

Oswald Janssen